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3.2 Gefragte Objekte: Die Verhandlungen mit dem Deutschen Museum in München

Vanessa Skowronek

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Wie wechselvoll die Geschichte des Physikalischen Kabinetts der Jesuiten ist, zeigt sich in den unterschiedlichen Objektgeschichten. Über die noch erhaltenen Inventare lässt sich zumindest für bestimmte Zeitpunkte nicht nur nachzeichnen, welche Objekte Teil der Sammlung waren, sondern teilweise auch, in welchem Zustand sie waren. Durch Korrespondenzen, Kaufbelege oder ähnliche Quellen ist zudem für einzelne Objekte nachvollziehbar, wann sie in die Sammlung aufgenommen wurden. Im Falle des Physikalischen Kabinetts gibt es darüber hinaus Archivalien, die einen anderen Prozess aufdecken: Anhand eines Briefwechsels aus dem frühen 20. Jahrhundert lässt sich rekonstruieren, welche Objekte beinahe die Sammlung verlassen hätten.

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Die Rede ist von dem Gesuch des Deutschen Museums in München, einige Objekte des Kölner Physikalischen Kabinetts übernehmen zu wollen. Der Besitzwechsel dieser Objekte stand lange Zeit im Raum, die Reaktionen der verschiedenen Beteiligten lassen sich heute noch dank der vorhandenen Korrespondenzen gut nachvollziehen. Den Ausschlag hatte ein Brief des preußischen Ministeriums für Unterrichtsangelegenheiten in Berlin vom 27. Oktober 1915 an das zuständige Provinzialschulkollegium in Koblenz gegeben, das ein Gesuch der Münchener an das Königliche Dreikönigsgymnasium, die Nachfolgeinstitution des Marzellengymnasiums, weiterleitete.[1] Tatsächlich hatte das Deutsche Museum den Wunsch geäußert, zwölf der „historischen Apparate und Modelle unentgeltlich, jedoch gegen Erstattung der Verpackungskosten[2] nach München zu verschicken, um Teil der dortigen Ausstellung zu werden. Für den Transport waren entsprechende Freifrachtbriefe beigelegt.

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Das Deutsche Museum München in den 1930er-Jahren
Bildnachweis: Wikimedia Commons gemeinfrei

Dabei konnte sich das Deutsche Museum kaum über eine unzureichende Objektfülle beschweren. Bereits Mitte des Jahres 1904, ein Jahr nach der Gründung des Museums, war es aufgrund der schnell angesammelten Menge an Ausstellungsobjekten zu ernstlichen Platz- und Lagerproblemen gekommen.[3] 1906 konnte ein erster Teilbereich des Museums als Provisorische Sammlung eröffnet werden, 1909 folgte in einem anderen Gebäude ein zweiter Ausstellungsteil.[4] Um die Sammlung weiter zu vergrößern, verschickte das Museum ab 1904 von Oskar von Miller, dem Begründer des Deutschen Museums, unterschriebene Anfragen, sogenannte Stifterbriefe, mit denen es um Exponate warb.[5] In diesem Zusammenhang wurde auch die oben genannte Anfrage an das Kölner Dreikönigsgymnasium geleitet. Die komplette Sammlung sollte in einem Neubau auf der Isarinsel ursprünglich bereits ab 1915 ausgestellt werden, die Eröffnung verzögerte sich allerdings wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs um zehn Jahre.

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Im Anschluss an die Anfrage zum Kölner Physikalischen Kabinett entwickelte sich die Sachlage nicht ganz so einfach – im Gegenteil. Der Verwaltungsrat des Gymnasial- und Stiftungsfonds reagierte mit einem Schreiben an den Direktor des Dreikönigsgymnasiums Josef Franke. Der Direktor wurde darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds seine „erheblichen Bedenken“ in Bezug auf die Abgabe der angefragten Objekte an das Deutsche Museum „sowohl dem Königl. Provinzialschulkollegium, als auch dem Oberbürgermeister hierselbst“ mitgeteilt habe. Letzteren habe man dazu angehalten, „Schritte zu tun, um die Sache der Stadt Cöln zu erhalten.[6]

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Dieser Aufforderung kam man seitens der Stadt Köln auch nach, es folgte ein Reaktionsschreiben durch den städtischen Schulbeamten Kahl an das Ministerium in Berlin. In seinem Brief vom 18.12.1915 nahm dieser sowohl Bezug auf die Bitte aus München als auch auf das Gesuch des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds, für den Erhalt der Objekte einzutreten.[7] Kahl legte Einspruch gegen eine Übersendung nach München ein, da „diese Gegenstände nicht Eigentum des Staates, sondern der Stadt Cöln sind.[8] Hierfür berief er sich auf Gerichtsurteile, die Ende des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf die Frage nach dem Besitz des ehemalige Jesuitenvermögens zugunsten der Stadt Köln ausgefallen waren – tatsächlich hatte es jedoch in dieser Hinsicht widersprüchliche Auffassungen zwischen der Stadt und dem Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds als Organ der Schulverwaltung gegeben. Als Leihgabe dürften die Objekte, so Kahl, „unter ausdrücklicher Wahrung des Eigentumsrechtes der Stadt Cöln“ im Dreikönigsgymnasium aufgestellt werden. Da sich die Stadt Köln der Wertigkeit und des musealen Charakters der Sammlung offenbar bewusst war, sollten die Objekte allerdings, Kahl zu Folge, nur solange im Gymnasium verbleiben, „bis ihre Ueberführung in das geplante Historische Museum möglich ist.“[9]

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Zumindest auf Seiten der Münchener scheinen die strittigen Besitzverhältnisse dem Interesse an den Objekten keinerlei Abbruch getan zu haben, wenn man denn überhaupt von den Auseinandersetzungen Kenntnis nahm. Im Mai 1916 jedenfalls wandte sich das Deutsche Museum schließlich in einem Schreiben direkt an die Direktion des Dreikönigsgymnasiums. Da die angeforderten Objekte bisher nicht eingetroffen seien, bitte man um baldige Zusendung. Handschriftlich notierte vermutlich Direktor Franke darauf den Vermerk „Besitzfrage noch nicht entschieden“.[10]

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Das Deutsche Museum verfügte zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht nur über eine genaue Vorstellung davon, was ihrer Sammlung noch fehlte, sondern war genauso gut darüber informiert, welche Kostbarkeiten sich im Kölner Kabinett befanden. Andernfalls ließe sich der außerordentlich präzise Charakter der Anfrage kaum erklären. Angefordert wurden nämlich „ein Erdglobus, ein Himmelsglobus von je 4 Fuß Durchmesser, ein Himmelsglobus von kleinem Durchmesser, ein Nollet’sches Planetarium, zwei Horologien, zwei Sonnenuhren, eine in Messing, eine in Holz, einen [sic!] Kreisbogen in Messing, eine Monduhr in Messing, zwei kleine Astrolabien in Kupfer.“[11] Dieses Detailwissen geht vermutlich auf die Arbeit der zahlreichen fachlichen Referenten des Museums zurück, die u. a. damit beauftragt gewesen waren, Listen mit relevanten Objekten für ihr Fachgebiet zu erstellen.[12] Offenbar hatten sie sich hierfür auch über das Kölner Kabinett informiert und einige wertvolle Objekte herausgesucht.

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Die von München angefragten Kugelsonnenuhren
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c000446

Zur Übersendung der angefragten Objekte ist es letztlich nicht gekommen, sie verblieben in Köln, viele von ihnen bis heute. Die meisten der beschriebenen Instrumente lassen sich einzelnen Objekten des heutigen Bestandes des Stadtmuseums zuordnen. Sie fallen im Inventar von 1829 in die Kategorie „VI Astronomie und Gnomik“. In den Fällen des Erd- und des Himmelsglobus von 4 Fuß Durchmesser ist zweifelsohne die Rede von den beiden Coronelli-Globen, die um 1700 in jesuitischen Besitz gelangten[13] und als „eine Hauptzierde der Sammlung[14] betitelt wurden. Der „Himmelsglobus von kleinem Durchmesser“ zielte wohl auf den Himmelsglobus von 23,5 cm Durchmesser aus dem Jahr 1603 ab, der sich heute dem niederländischen Kartografen Willem Bleau (1571–1638) zuordnen lässt. Das Nollet‘sche Planetarium befand sich noch 1845 im Physikalischen Kabinett,[15] danach verliert sich jedoch seine Spur. In den Listungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts taucht es nicht mehr auf.[16] Die angeforderte „Monduhr in Messing“ erscheint im Inventar von 1829 als „MitternachtsUhr[17], auf derselben Seite finden sich auch ein „Creisbogen in Messing“, sowie „[z]wei kleine Astrolabien in Cupfer“. Die Anzahl der Sonnenuhren ist recht hoch, sodass für die angefragten Sonnenuhren aus Holz und Messing nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, welche Exemplare genau gemeint waren. Bei den als „Horologien[18] betitelten Objekten scheint die Zuordnung zu zwei Kugelsonnenuhren sehr wahrscheinlich, die eine aus rotgefärbtem Glas mit der Inschrift „Horologium meridionale“, die andere aus Milchglas bestehend mit der Inschrift „Horologium occidentale“. Letztere wurde im Inventar von 1829 mit der Bemerkung „ohne Wert[19] versehen, eine Tatsache, die die Münchener wohl anders einschätzten. Wie bereits erwähnt waren die Objekte nicht nach München abgegeben worden, wohl aber als Dauerleihgabe in ein Museum: Der Großteil der damals angeforderten Objekte war bis 2017 in der Dauerausstellung des Kölnischen Stadtmuseums zu sehen.[20]

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Brief vom 27. Oktober 1915, Berlin. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 560 (Dreikönigsgymnasium), A 651 (Reparaturen und Neuanschaffungen für die physikalische Sammlung und das chemische Labor. – Geplante Abgabe von historischen Apparaten an das Deutsche Museum in München), fol. 46r–50r.

[2] Brief vom 27. Oktober 1915, Berlin. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 46r.

[3] Vgl. Ulrich Menzel, Die Musealisierung des Technischen. Die Gründung des „Deutschen Museums von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“ in München, Phil. Diss. Braunschweig 2002, S. 156f.

[4] Vgl. Menzel, Musealisierung (wie Anm. 3), S. 74f. Die erste Abteilung befand sich in den Räumen des Alten Nationalmuseums in der Maximilianstraße, die zweite Abteilung eröffnete in einer ehemaligen Husarenkaserne in der Zweibrückenstraße.

[5] Vgl. Menzel, Musealisierung (wie Anm. 3), S. 155f.

[6] Brief vom 26. November 1915, Köln. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 52r.

[7] Vgl. Brief vom 18. Dezember 1915, Köln. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 53r–53v.

[8] Brief vom 18. Dezember 1915, Köln. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 53v.

[9] Brief vom 18. Dezember 1915, Köln. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 53v.

[10] Brief vom 25. Mai 1916, München. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 59r.

[11] Brief vom 27. Oktober 1915, Berlin. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 46r.

[12] Vgl. Menzel, Musealisierung (wie Anm. 3), S. 77f. und S. 159.

[13] Vgl. Erich Kuphal, Der Beginn des Bensberger Schloßbaues, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 10 (1928), S. 171–174, hier: S. 171; Gunter Quarg, Die Sammlung des Jesuitenkollegiums nach der Aufhebung des Ordens 1773, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 62 (1991), S. 153–173, hier: S. 162.

[14] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 155A (Gymnasial- und Stiftungsfond (GStF) - Akten), A 361 (Zwei Inventare des sogenannten Physikalischen Kabinetts des Gymnasiums), S. 12.

[15] Vgl. Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 19].

[16] Vgl. Verzeichnis, 1912. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 560 (Dreikönigsgymnasium), A 651 (Reparaturen und Neuanschaffungen für die physikalische Sammlung und das chemische Labor. – Geplante Abgabe von historischen Apparaten an das Deutsche Museum in München), fol. 31–34 und Verzeichnis der Leihgaben für das Haus der Rheinischen Heimat, Köln. Gegenstände aus dem Dreikönigsgymnasium in Köln (Jesuitensammlung) vom 3. November 1938 (Maschinenschriftliche Liste, Handakten Kölnisches Stadtmuseum). Das Nolletsche Planetarium gehörte zu den Prachtobjekten der Sammlung. Der Verlust ist äußerst bedauerlich und lässt sich nicht mehr nachvollziehen, was in Anbetracht des Werts des Objektes merkwürdig erscheint.

[17] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: HAStK, Best. 155A, A 361, S. 13.

[18] Brief vom 27. Oktober 1915, Berlin. In: HAStK, Best. 560, A 651, fol. 46r.

[19] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: HAStK, Best. 155A, A 361, S. 12.

[20] Aufgrund eines Wasserschadens wurde die Dauerausstellung des Stadtmuseums im Sommer 2017 geschlossen, die zuvor ausgestellten Objekte lagern aktuell in Depots.

Empfohlene Zitierweise
Vanessa Skowronek, Gefragte Objekte: Die Verhandlungen mit dem Deutschen Museum in München, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).