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3.4 Auf dem Weg ins Museum: Das Physikalische Kabinett im 20. Jahrhundert

Vanessa Skowronek

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Die Apparaturen und Instrumente des Physikalischen Kabinetts der ehemaligen Jesuiten hatten im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre Fortschrittlichkeit und folglich auch ihre ursprüngliche Funktion als Lehr- und Forschungssammlung verloren. Allerdings wurde der (kultur-)historische Wert der Sammlung zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchaus erkannt. Bereits in den 1910er-Jahren gab es seitens der Stadt Köln die Überlegung, die Instrumente des Kabinetts in ein neues Museum zu transferieren.[1] Den eigentlichen Ausgangspunkt für die Geschichte des Kabinetts im musealen Kontext bildeten dann die Anfrage des Deutschen Museums München und die Jahrtausendausstellung der Rheinlande im Jahre 1925. Im Anschluss an Letztere folgte die Gründung des Rheinischen Museums, an das zahlreiche Objekte aus der Rheinlandausstellung übergingen. Bis zur Eröffnung dieses Museums in Deutz als Haus der Rheinischen Heimat dauerte es dann noch bis 1936.

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Haus der Rheinischen Heimat
Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_039562

Am 9. November 1927, zwei Jahre nach der Jahrtausendausstellung, wurde auch der Bestand des ehemaligen Tricoronatums an das Historische Museum der Stadt Köln übergeben.[2] Damit war das Physikalische Kabinett endgültig zu einer Museumssammlung geworden. Die Übergabe wurde zunächst recht formlos gehandhabt, indem die übernommenen Objekte handschriftlich in einem DIN-A5-Heftchen aufgelistet wurden. Darunter folgte die Bescheinigung, „die vorstehenden Stücke für das historische Museum der Stadt Köln erhalten zu haben“.[3] Bei der Erfassung erfolgte oftmals nur eine grobe Beschreibung der Objekte ohne korrekte Zuweisung oder bekannte Funktion. Beispielsweise wurde das Donnerhäuschen als „Haus aus Holz zum Aufklappen“ aufgelistet, der Rückstoßwagen verbarg sich wohl hinter der Beschreibung „Wägelchen aus Messing mit aufliegender Kugel“.[4] Ein formaleres Inventar folgte im Jahr 1938, das dem offiziellen Vertrag über die Dauerleihgabe der Objekte an das Haus der Rheinischen Heimat der Stadt Köln angehört.[5] Dieses Inventar mit rund 110 verbliebenen Objekten gab neben Zustand und Wert auch eine kurze Funktionsbeschreibung der aufgelisteten Gegenstände.[6] Dadurch ist es der Forschung erstmals möglich, die beschriebenen Objekte konkreten Exemplaren zuzuordnen.[7]

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Coronelli-Globen im Zeughaus
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, RBA 120 558

Mit der Übergabe in die Obhut des heutigen Kölnischen Stadtmuseums war der Prozess der Musealisierung vorerst vollendet und der Weg für die Forschung frei. Die Geschichte der Objekte des Physikalischen Kabinetts ist damit aber noch nicht abgeschlossen, denn durch den steten Wandel im Museumsbetrieb veränderten sich auch die Umstände für die Objekte. Dies lässt sich sehr gut am Beispiel der Coronelli-Globen nachzeichnen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Haus der Rheinischen Heimat fast vollständig zerstört. Der Erd- und der Himmelsglobus von je 108 cm Durchmesser waren bereits vor Kriegsausbruch in einem schlechten Zustand gewesen und hatten nicht in Sicherheit gebracht werden können. Sie haben den Krieg dann zwar in den Museumsräumen überstanden, doch starke Beschädigungen davongetragen. Nach Kriegsende wurde mit der Rettung der Globen begonnen, die von Grund auf restauriert wurden.[8] Auf der Suche nach einer neuen, geeigneten Unterbringung für das Museum wurde das ehemalige Zeughaus in der Innenstadt ausgewählt. Als Kölnisches Stadtmuseum im Zeughaus feierte das vormals Historische beziehungsweise Rheinische Museum im Januar 1958 seine Eröffnung. Prominent positioniert waren in der Ausstellung die beiden großen Coronelli-Globen, die den Haupteingang zu beiden Seiten schmückten.[9]

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Anlass für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Physikalischen Kabinett gaben die Universitätsjubiläen von 1938 (550 Jahre) und besonders von 1988 (600 Jahre), in deren Folge mehrere Forschungsarbeiten entstanden. Nach wie vor wertvoll sind die Publikationen Gunter Quargs, ehemaliger Oberbibliotheksrat der Kölner Universitäts- und Stadtbibliothek. Bei seiner Beschäftigung mit den Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität befasste sich Quarg bereits in den 1990er-Jahren mit dem Physikalischen Kabinett, das er in den wissenschaftsgeschichtlichen Kontext stellte.[10]

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Coronelli-Globus in der ehemaligen Dauerausstellung im Kölnischen Stadtmuseum
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Sabrina Walz / Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d040443_03

Ausgewählte Objekte des Kabinetts wurden vom Herbst 1995 bis zum Frühjahr 1996 in der Sonderausstellung Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler in der Josef-Haubrich-Kunsthalle ausgestellt. Gezeigt wurden 19 Objekte des Physikalischen Kabinetts, darunter auch Mobiliar, sodass die gezeigten Instrumente wie Astrolabium, Mikroskop und Sonnenuhren in einer möglichst authentischen Aufstellung präsentiert werden konnten.[11] Nicht mehr im Sammlungszusammenhang, sondern in thematischer Zuordnung zu naturwissenschaftlichen Objekten anderer Provenienzen wurden Teile des Physikalischen Kabinetts schließlich in der 1984 neukonzipierten Dauerausstellung des Kölnischen Stadtmuseums gezeigt. Der ursprüngliche historische Zusammenhang mit den Bücher-, Kunst- und Objektsammlungen der ehemaligen Kölner Jesuiten rückte damit in den Hintergrund. Die physikalischen Objekte fanden ihren Platz im ersten Obergeschoss in Vitrinen, in denen besondere Einzelstücke die technische und kulturgeschichtliche Entwicklung veranschaulichten. Seit Sommer 2017 ist die Dauerausstellung wegen eines Wasserschadens leider nicht mehr öffentlich zugänglich, die Objekte sind in Depots untergebracht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Prunkstücke des Physikalischen Kabinetts, darunter die beiden Coronelli-Globen, von den Besucherinnen und Besuchern noch in Augenschein genommen werden können.

 

Anmerkungen

[1] Bei der Ablehnung des Gesuchs, ausgewählte Objekte an das Deutsche Museum in München zu schicken, merkte der städtische Schulbeamte Kahl an, dass die Objekte des Physikalischen Kabinetts „solange im Dreikönigs-Gymnasium aufgestellt bleiben, bis ihre Ueberführung in das geplante Historische Museum der Stadt Cöln möglich ist.“ Siehe Brief vom 18. Dezember 1915, Köln. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 560 (Dreikönigsgymnasium), A 651 (Reparaturen und Neuanschaffungen für die physikalische Sammlung und das chemische Labor. – Geplante Abgabe von historischen Apparaten an das Deutsche Museum in München), fol. 53v.

[2] Vgl. Übergabedokument an das Kölnische Stadtmuseum, 1927. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 560 (Dreikönigsgymnasium), A 681 (Inventarium der Sammlung des alten Tricoronatums), fol. 2r–5v.

[3] Übergabedokument, 1927. In: HAStK, Best. 560, A 681, fol. 5v.

[4] Übergabedokument, 1927. In: HAStK, Best. 560, A 681, fol. 4r–4v.

[5] Der Vertrag über die Dauerleihgabe wurde zwischen dem Haus der Rheinischen Heimat und dem Dreikönigsgymnasium vereinbart, da sich die Stadt als Eigentümerin der Sammlung sah.

[6] Vgl. Verzeichnis der Leihgaben für das Haus der Rheinischen Heimat, Köln. Gegenstände aus dem Dreikönigsgymnasium in Köln (Jesuitensammlung) vom 3. November 1938 (Maschinenschriftliche Liste, Handakten Kölnisches Stadtmuseum).

[7] Vgl. Gunter Quarg, Ein Inventar des Kölner Physikalischen Kabinetts aus dem Jahre 1801, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 66 (1995), S. 81–83.

[8] Vgl. Franz Knubben, Restaurierte Erd- und Himmelsgloben von Vincenzo Coronelli (1650–1718), in: Der Globusfreund 10 (1961), S. 34–37.

[9] Vgl. Beatrix Alexander, Die Eröffnung des ‚Kölnischen Stadtmuseum im Zeughaus‘, am 11. Januar 1958. Bild der 1. Woche - 7. bis 13. Januar 2008, in: museenkoeln, URL: https://museenkoeln.de/portal/bild-der-woche.aspx?bdw=2008_01 (12.08.2019).

[10] Vgl. zum Beispiel Gunter Quarg, Das Physikalische Kabinett und der Physik-Unterricht in Köln von der Gründung der École Centrale 1799 bis zum Ende der Franzosenzeit 1814, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 65 (1994), S. 113–136; Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln u. a. 1996.

[11] Vgl. Gunter Quarg Das Physikalische Kabinett der Jesuiten, in: Hiltrud Kier / Frank-Günter Zehnder (Hrsg.), Lust und Verlust. Kölner Sammler zwischen Trikolore und Preußenadler, Köln 1995, S. 517–523, Kat.-Nr. 18–36.

Empfohlene Zitierweise
Vanessa Skowronek, Auf dem Weg ins Museum: Das Physikalische Kabinett im 20. Jahrhundert, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).