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3.1 Kabinett im Wandel: Das 19. Jahrhundert

Vanessa Skowronek

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Die Geschichte des Physikalischen Kabinetts des ehemaligen Jesuitenkollegs wurde im Laufe der Zeit unter verschiedenen Gesichtspunkten des Öfteren schon aufgearbeitet.[1] Dabei findet das 19. Jahrhundert, insbesondere die Zeit zwischen dem Weggang Ohms aus Köln 1826 und der Rheinlandausstellung 1925, allerdings kaum Beachtung. Ein Grund dafür mag neben dem in der Literatur immer wieder beschriebenen „Niedergang“ des Kabinetts der Mangel an aussagekräftigen Quellen sein. Umso erfreulicher ist der Fund zweier Inventare aus eben dieser Zeit, die erst 2018 in Vorbereitung dieser Online-Publikation dem Physikalischen Kabinett zugeordnet werden konnten. Die Quellen befinden sich im Historischen Archiv der Stadt Köln im Bestand des Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und sollen im Folgenden zeitlich eingeordnet werden.

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Johann Peter Weyer, Gymnasium Tricoronatum 1828/31
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_mf088002

Das Ende der 1820er-Jahre brachte für das Physikalische Kabinett gleich zweierlei Zäsuren mit sich. Zum einen verließ der hochangesehene Lehrer und Forscher Georg Simon Ohm 1826 das Kölner Marzellengymnasium und das bis dahin in seiner Verantwortung befindliche Kabinett. Zum anderen musste 1827 der angestammte Platz für das Kabinett geräumt werden. Das Gymnasium wurde in den westlichen Teil des Gebäudes verlegt, da das erzbischöfliche Priesterseminar gegen den Willen des Verwaltungsrats des Schul- und Stiftungsfonds in Teile des ehemaligen Jesuitenkollegs einzog.[2] Trotz des veränderten Standortes scheint das Physikalische Kabinett in seinem neuen Saal gut untergebracht worden zu sein, da man einen Raum auswählte, der größer war als der alte, gut ausgeleuchtet und vor Feuchtigkeit geschützt. Zudem grenzte er direkt an einen Hörsaal, der zum Unterricht der Physik genutzt werden konnte.[3]

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Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829
Bildnachweis: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 155A, A 361, S. 1.

Der Umzug wurde offenbar zum Anlass genommen, das Kabinett erneut zu inventarisieren, sodass wir heute über eine Übersicht des Sammlungsbestands im Jahr 1829 verfügen. Das „Verzeichnis der zum physikalischen Kabinett des Jesuiten Gymnasiums in Köln gehörigen Gegenstände“[4] erfasste den Bestand auf 34 Seiten. In 13 Kategorien werden insgesamt 548 Listenpunkte aufgeführt, die oft mehrere Stücke beinhalten.[5] Neben den laufenden Nummern gibt es eine Spalte mit alten Nummern aus einem früheren Inventar, die deutliche Hinweise auf die fortschreitende Dezimierung der Sammlung liefern: Denn diesem Inventar zu Folge müssen sich vor 1829 rund 150 Objekte mehr im Kabinett gefunden haben. Dazu gehörten u. a. Objekte aus der Kategorie Chemie, von der im Jahr 1829 dann jedoch „so gut wie Nichts mehr vorhanden [war]“.[6] Neben den Bezeichnungen der Gegenstände findet sich eine weitere Spalte „Bemerkungen über ihren Zustand“, sodass nicht nur nachvollziehbar wird, welche Objekte zu diesem Zeitpunkt Teil des Kabinetts waren, sondern auch, wie es gegen Ende der 1820er Jahre um sie beschaffen war. Bei mehr als zwei Dritteln der Objekte wurde ein Schaden vermerkt, einige davon waren gar nicht mehr brauchbar.

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Eine weitere, von der Forschung bisher nicht genutzte Quelle enthält zwei Revisionen, die einen nächsten Zwischenstand der Entwicklung des Kabinetts im 19. Jahrhundert offenbaren. Diesen Revisionen aus den Jahren 1845 und 1863 wurde das Inventar von 1829 zugrunde gelegt, sodass die Nummerierungen übereinstimmen. In der Revision von 1845 sind im Vergleich zu 1829 rund 30 der aufgezählten Listennummerierungen vollständig als fehlend markiert, hinzu kommen zahlreiche Instrumente, bei denen entweder Teile fehlen oder eines von mehreren Stücken nicht mehr vorhanden ist. Darüber hinaus wird nachvollziehbar, dass es im Jahr 1830 (oder 1832)[7] zu einer Veräußerung von Dubletten gekommen war. Im Inventar wurde bei 67 Listenpunkten der Verkauf an die „Höhere Bürgerschule“ vermerkt.

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In der Nacht auf den 19. März 1845 entging das Physikalische Kabinett einer Katastrophe: Im Marzellengymnasium war ein Brand ausgebrochen, der schwere Schäden anrichtete. Das Kabinett allerdings „[wurde] in der Nacht des Brandes durch Hülfeleistende geräumt“.[8] Die Instrumente selbst sind glimpflich davongekommen, wie in der Revision von 1863 sichtbar wird: Nur vier Instrumente wurden durch das Feuer beschädigt.[9] Durch die Schäden am Gymnasialgebäude aber blieb der Brand auch für das Physikalische Kabinett nicht ohne Folgen. Die Apparate wurden von Arbeitern zunächst in Klassenzimmern, dann in einem Saal und auf dem Speicher untergebracht. Bis zur erneuten Aufstellung in der Schule dauerte es wohl bis ins Jahr 1863. Bei der anschließenden Revision konzentrierte man sich vorrangig auf die Frage, welche Objekte überhaupt noch vorhanden waren. Nicht alle Instrumente wurden wieder in den Räumlichkeiten des Kabinetts aufgestellt. Beispielsweise befand sich die „Centrifugalmaschine nach Nollet“, die 1829 bereits „keiner Reparatur werth[10] war, nach der Wiederaufstellung der anderen Apparaturen noch als „[z]erbrochene Reste auf dem Speicher“.[11]

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Das Physikalische Kabinett hatte im 19. Jahrhundert quantitativ Verluste zu beklagen, viele der erhaltenen Objekte waren zudem in einem qualitativ schlechten Zustand. Besonders deutlich wird dies im Vergleich mit einer anderen physikalischen Sammlung in Köln. Die 1828 gegründete „Höhere Bürgerschule“, das heutige Gymnasium an der Kreuzgasse, legte mit dem Dublettenankauf aus dem Physikalischen Kabinett des Marzellengymnasiums eine erste Grundlage für eine eigene Sammlung. Diese Sammlung, welche im Laufe der nächsten Jahre durch städtische Gelder, Schulgelder und Stiftungen aufgebaut wurde und bereits 1903 auf 1.284 Apparate angewachsen war,[12] gab durch anhaltende Modernisierungen und den Ankauf aktueller Geräte den neuesten technischen Stand wieder.

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Auch wenn das Physikalische Kabinett im Marzellengymnasium den Höhepunkt seiner Bedeutung überschritten hatte, fanden punktuell Ankäufe und Reparaturen an der Sammlung statt.[13] Einzelne Objekte – erwähnt wird dies bei einem Messingbrunnen und einer Luftpumpe[14] – wurden noch immer im Unterricht verwendet. Vor dem Hintergrund der technischen Weiterentwicklungen und Spezialisierungen der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert verloren die Instrumente jedoch ihre einst fortschrittliche Funktionalität.

 

Anmerkungen

[1] Siehe dazu u. a. Joseph Kuckhoff, Die Geschichte des Gymnasium Tricoronatum. Ein Querschnitt durch die Geschichte der Jugenderziehung in Köln vom 15. bis zum 18. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Rheinischen Museums in Köln 1), Köln 1931; Dreikönigsgymnasium Köln (Hrsg.), Tricoronatum. Festschrift zur 400-Jahr-Feier des Dreikönigsgymnasiums, Köln 1952; Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln u. a. 1996; Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (Hrsg.), Bildung stiften, Köln 2000.

[2] Vgl. Josef Schnippenkötter, Ohm in Köln. Beiträge zur Geschichte der Mathematik und Physik zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Kölnischer Geschichtsverein (Hrsg.), Georg Simon Ohm als Lehrer und Forscher in Köln 1817 bis 1826. Festschrift zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages, Köln 1939, S. 63–172, hier: 168–172. Aus Perspektive des Priesterseminars siehe Norbert Trippen, Das Seminar im Zeitalter der Restauration und des Hermesianismus (1825–1842), in: Ders. (Hrsg.), Das Kölner Priesterseminar im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift zur Feier des 250jährigen Bestehens am 29. Juni 1988 (Studien zur Kölner Kirchengeschichte 23), Siegburg 1988, S. 52–83, hier: S. 59–62.

[3] So beschreibt es der Direktor des Jesuitengymnasiums Eugen Jakob Maria Birnbaum in einem Protokoll vom 19. Juni 1827, abgedruckt in: Schnippenkötter, Ohm (wie Anm. 2), S. 171f.

[4] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 155A (Gymnasial- und Stiftungsfond (GStF) - Akten), A 361 (Zwei Inventare des sogenannten Physikalischen Kabinetts des Gymnasiums), S. 21.

[5] Die Überordnungen mit der Anzahl der jeweiligen laufenden Nummern sind I. Aerostatik (69), II. Akustik (11), III. Mechanik (71), IV. Meteorologie (18), V. Geometrie (22), VI. Astronomie (26), VII. Elektrizität (99), VIII. Optik (128), IX. Magnetismus (49), X. Gazologie (21), XI. Pyrologie (17), XII. Hydrostatik (19), XIII. Chemie. Zum Vergleich: Quarg zählt für das Kölner Inventar 1801 (Link Inventar 1801) 691 Stücke, wobei ebenfalls nicht berücksichtigt wurde, dass manche Nummern mehrere Einzelstücke umfassen, vgl. Gunter Quarg, Ein Inventar des Kölner Physikalischen Kabinetts aus dem Jahre 1801, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 66 (1995), S. 81–83, hier: S. 82.

[6] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: HAStK, Best. 155A, A 361, S. 34.

[7] Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStk, Best. 155A, A 361, [S. 43].

[8] Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 43].

[9] Vgl. Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 4], [S. 37] und [S. 40]. Hinzu kommt eine hölzerne Hydropneumatische Wanne, die mit Blei gefüttert war, welches jedoch „während des Brandes 1845 oder einige Tage nachher gestohlen“ wurde, Inventare 1845/1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 37].

[10] Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1829. In: HAStK, Best. 155A, A 361, S. 9.

[11] Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 13].

[12] Vgl. Städtisches Gymnasium und Realgymnasium in der Kreuzgasse zu Köln (Hrsg.), Festschrift zur Jahrhundertfeier der Anstalt 13. bis 15. Oktober 1928, Köln 1928, S. 122.

[13] Instandsetzung des Physikalischen Kabinetts, 1884. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 560 (Dreikönigsgymnasium), A 651 (Reparaturen und Neuanschaffungen für die physikalische Sammlung und das chemische Labor. – Geplante Abgabe von historischen Apparaten an das Deutsche Museum in München), fol. 4r–5r.

[14] Inventare des Physikalischen Kabinetts, 1845 und 1863. In: HAStK, Best. 155A, A 361, [S. 3 u. 5].

Empfohlene Zitierweise
Vanessa Skowronek, Kabinett im Wandel: Das 19. Jahrhundert, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).