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2.1 Politische Umbrüche: Das Kabinett um 1800

Henrike Stein

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Die städtische Leitung des Gymnasium Tricoronatum sollte bereits nach kurzer Zeit enden, nachdem die französischen Revolutionstruppen ab 1792 sukzessive die linksrheinischen Gebiete annektiert hatten. Durch das westliche Hahnentor marschierten die Franzosen am 6. Oktober 1794 auch in Köln ein. Die ehemalige freie Reichsstadt gehörte in der Folge zum französischen Roer-Département, dessen Hauptstadt allerdings Aachen war. Weil vier Jahre später auch das Erzbistum von Köln nach Aachen verlegt wurde, litt Köln an einem besonderen Bedeutungs- und auch Identitätsverlust, hatte sich die ehemalige freie Reichsstadt doch seit dem Mittelalter als stolze Handelsmetropole und vor allem als Glaubensstadt und Hochburg des Katholizismus verstanden.[1] Als Folge der französischen Annexion kam es zu tiefgreifenden Veränderungen in Köln. Die städtische Verwaltung und Rechtsprechung wurden grundlegend umorganisiert, wobei allerdings die alten Eliten überwiegend die neu geschaffenen Ämter übernahmen.[2] Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt, der Rhein fungierte als neue Zollgrenze. Der französische Revolutionskalender stand für den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die Rechtsgleichheit der Bürger wurde zum Grundsatz, Privilegien für Adel und Klerus abgeschafft.[3] Eine besonders einschneidende Erfahrung für die Kölner war die Säkularisation, in deren Zuge alle geistlichen Institutionen bis auf die Bistümer, Pfarreien und das Domkapitel aufgehoben wurden. Schon ab 1794 kam es zur großflächigen Beschlagnahmung und Enteignung von Kirchenmobilien und -immobilien. Dieser als Kunstraub aufgefasste Vorgang hat sich in das kulturelle Gedächtnis der Stadt eingebrannt.[4] Neben den negativen Folgen der französischen Besatzung vollzog sich während der 20-jährigen französischen Zeit eine Modernisierung in fast allen Bereichen, auch wenn diese von den Zeitgenossen unterschiedlich bewertet worden ist.[5]

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Ebenfalls grundlegend veränderte sich mit dem Einmarsch der Franzosen in Köln im Oktober des Jahres 1794 das Schul- und Universitätswesen. Am 28. April 1798 wurden die alte Kölner Universität und die dazugehörigen Gymnasien aufgehoben. Im Zuge eines systematisch angelegten Kunstraubs, der in den Folgejahren auf ganz Europa ausgedehnt werden sollte, suchten die französischen Kommissare bereits im November 1794 das ehemalige Jesuitenkolleg auf. Sie erkannten die Besonderheit der Jesuitensammlung und beschlagnahmten folglich einen Großteil der Bücher-, Graphik-, Zeichnungs-, Münz- und Naturaliensammlung und brachten sie nach Paris in den Louvre. Der Fokus dabei lag vor allem auf der Jesuitenbibliothek. Viele Stücke sind bis heute für Köln verloren und befinden sich nach wie vor in unterschiedlichen Institutionen in Paris.[6] Von den Franzosen unbeachtet, verblieb das Physikalische Kabinett hingegen in Köln. Es wurde in die 1799 eröffnete Zentralschule übernommen, die im ehemaligen Jesuitenkolleg untergebracht war. Ein möglicher Grund für den Erhalt in Köln könnte die bedeutende Stellung der Naturwissenschaften im französischen Schulsystem sein, welche die Fächer seit der Revolution innehatten.[7]

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Briefkopf der Professorenversammlung der Zentralschule
Bildnachweis: Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 241, 015 Regierungskommissar Rudler, Sachakte Nr. 701, S. 237.

Die Einrichtung einer Zentralschule nach französischem Vorbild erfolgte 1799 als Ersatz für die Kölner Universität und die Gymnasien. Sie wurde im November desselben Jahres in den Räumlichkeiten des ehemaligen Jesuitenkollegs eröffnet.[8] Auch wenn der offizielle Name „Université de Cologne, organisée en École Centrale“ war, unterschieden sich die französischen Zentralschulen wesentlich vom vorherigen Kölner Bildungssystem. In Bezug auf die Naturwissenschaften ist eine deutliche Aufwertung und Modernisierung der entsprechenden Fächer auszumachen. Mathematik, experimentelle Physik und Chemie sollten in den Zentralschulen jeweils eigene Lehrstühle erhalten und mit einer speziellen naturwissenschaftlichen Instrumentensammlung, einer öffentlichen Bibliothek und einem Botanischen Garten ausgestattet werden, damit der Unterricht mit praktischen Experimenten erweitert werden konnte. Die Vorlesungen waren zudem öffentlich und kostenfrei, die Professoren erhielten ihre Löhne vom französischen Staat.[9] In Köln konnte man zur Erfüllung dieser französischen Gesetzesvorgaben auf das bestehende Physikalische Kabinett und das chemische Laboratorium zurückgreifen. In der Zentralschule wurden die naturwissenschaftlichen Instrumente somit weiterhin als Lehrmittel verwendet. Die sogenannte „Franzosenzeit“ bildete deshalb einen Höhepunkt in der Sammlungsgeschichte des Kabinetts, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts sein quantitatives und auch qualitatives Maximum erreichte. Deutlich wird dies im französischen Inventar von 1801.

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Auch nach erneuten bildungspolitischen Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestand das Kabinett fort. Nach der Schließung der Zentralschule im September des Jahres 1804 erfolgte eine Neuorganisation und Zentralisierung der Bildungslandschaft unter dem zukünftigen Kaiser Napoleon Bonaparte.[10] Das neue System von Primär- und Sekundärschulen wurde eingeführt. Im ehemaligen Laurentianer Gymnasium entstand 1804 eine Sekundärschule, an die jedoch nicht alle bisherigen Professoren übernommen werden konnten. Eine höhere Bildungsanstalt in Form eines Lyzeums, das dem Anspruch der ehemaligen Zentralschule entsprach, war im Zuge der napoleonischen Reformen nicht für Köln, sondern für Mainz und Bonn vorgesehen. Seit Mitte des Jahres 1804 bemühte sich daher eine Verwaltungskommission darum, ein Lyzeum für die Stadt Köln zu gewinnen.[11] Nach enormer Eigeninitiative der städtischen Vertreter konnte die in dieser Form singuläre Genehmigung einer weiteren kommunalen Sekundärschule zweiten Grades erwirkt werden, die 1805 im ehemaligen Jesuitenkolleg eröffnet wurde.[12] Das Physikalische Kabinett diente dort weiterhin als Lehrsammlung und war somit auch wichtiger Teil dieser neuen Sekundärschule.

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Titelseite des Inventars von 1801
Bildnachweis: Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland – AA 0633 Roerdepartement Nr. 108, fol. 13R, Ausschnitt.

Nachdem Napoleon im Oktober des Jahres 1813 in der sogenannten „Völkerschlacht“ bei Leipzig vernichtend geschlagen worden war, wurde die politische Ordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1814 bis 1815 neu definiert. Das Rheinland fiel infolgedessen an Preußen. Mit dem Beginn der preußischen Regierungszeit in Köln richtete die neue Verwaltung ab 1815 im ehemaligen Jesuitenkolleg wieder ein katholisches Gymnasium ein, das Königliche katholische Gymnasium an Marzellen. Auch die preußische Schulverwaltung beschloss die weitere Nutzung des Physikalischen Kabinetts, das daraufhin – insbesondere während der Kölner Jahre des berühmten Lehrers und Naturwissenschaftlers Georg Simon Ohm von 1817 bis 1826 – neben einer Lehr- auch zu einer Forschungssammlung werden sollte. Zu dieser Zeit befanden sich bis zu 1000 Stücke im Kabinett.

 


Anmerkungen

[1] Vgl. Klaus Müller, Köln von der französischen zur preußischen Herrschaft. 1794–1815 (Geschichte der Stadt Köln 8), Köln 2005, S. 50f. und S. 288f.

[2] Vgl. Gabriele B. Clemens, Verwaltungseliten und die napoleonische Amalgampolitik in den linksrheinischen Départements, in: Willi Jung (Hrsg.), Napoléon Bonaparte oder der entfesselte Prometheus, Göttingen 2015, S. 67–94, hier: S. 68f.; Müller, Köln (wie Anm. 1), S. 1.

[3] Vgl. Clemens, Verwaltungseliten (wie Anm. 2), S. 68.

[4] Zum französischen Kunstraub siehe Bénédicte Savoy, Kunstraub. Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen, Wien / Köln / Weimar 2011.

[5] Vgl. Joachim Deeters, Köln – une bonne ville de la France? Die französischen Jahre, in: Geschichte in Köln 45 (1999), S. 58–70, hier: S. 58. „Nach den zwanzig Jahren befand man sich aber nicht nur in der Neuzeit, die Kölner waren vielmehr an die Spitze der Moderne geradezu katapultiert worden.“ Vgl. Müller, Köln (wie Anm. 1), S. 1–3.

[6] Zum napoleonischen Kunstraub in Köln und dem Raub am ehemaligen Kölner Jesuitenkolleg siehe zum Beispiel Savoy, Kunstraub (wie Anm. 4), S. 25–64, vor allem: S. 47–50; Claudia-Alexandra Schwaighofer, col. – „ENVOI de COLOGNE“. Die Graphische Sammlung des ehemaligen Kölner Jesuitenkollegs in Paris, unveröffentlichtes Manuskript, München 2011, S. 73–197.

[7] Vgl. Nathalie Monique Damesme, Öffentliche Schulverwaltung in der Stadt Köln von 1794–1814 (Rechtsgeschichtliche Schriften 16), Köln 2003, S. 15–17.

[8] Vgl. Klaus Pabst, Der Kölner Universitätsgedanke zwischen Französischer Revolution und Preussischer Reaktion (1794–1818), in: Ders. / Bernd Heimbüchel (Hrsg.), Kölner Universitätsgeschichte II. Das 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1988, S. 1–100, hier: S. 5–42; Klaus Pabst, Das Ende der freien Reichsstadt Köln. Gesellschaftliche und bildungspolitische Umbrüche in der Franzosenzeit, in: Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (Hrsg.), Bildung stiften, Köln 2000, S. 40–57; Damesme, Schulverwaltung (wie Anm. 7), S. 25–92; Müller, Köln (wie Anm. 1), S. 313–331.

[9] Vgl. Damesme, Schulverwaltung (wie Anm. 7), S. 13–17; Pabst, Universitätsgedanke (wie Anm. 8), S. 12f. und S. 31–35. Zum Unterhalt der Zentralschule wurde das Stiftungsvermögen der aufgehobenen Gymnasien verwendet.

[10] Vgl. Damesme, Schulverwaltung (wie Anm. 7), S. 93–101; Pabst, Universitätsgedanke (wie Anm. 8), S. 43–47.

[11] Vgl. Damesme, Schulverwaltung (wie Anm. 7), S. 113–128; Pabst, Universitätsgedanke (wie Anm. 8), S. 47–49.

[12] Vgl. Damesme, Schulverwaltung (wie Anm. 7), S. 125–131; Pabst, Universitätsgedanke (wie Anm. 8), S. 49–55.

Empfohlene Zitierweise
Henrike Stein, Politische Umbrüche: Das Kabinett um 1800, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).