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2.3 Hochphase des Sammelns: Die französische Zeit

Henrike Stein

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Der Erwerb der bedeutenden Schürerschen Sammlung im ersten Jahr der Université de Cologne, organisée en École Centrale war der Auftakt einer Hochphase der Sammlungstätigkeit für das Physikalische Kabinett. Durch den Ankauf des Leiters Christian Kramp (1760–1826) hatte sich die Anzahl der physikalischen Instrumente im Jahre 1799 auf rund 800 Stücke mehr als verdoppelt. Er bezeichnete das neue Physikalische Kabinett während einer Festtagsrede als eine der vollständigsten Sammlungen der Französischen Republik.[1] Zudem führte er das Kabinett durch weitere Ankäufe moderner Instrumente erfolgreich in das 19. Jahrhundert.

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Henry Winkles, Botanischer Garten und Dom, um 1820
Bildnachweis: Wikimedia Commons gemeinfrei

Als Folge des enormen Ausbaus der Sammlung wurde eine Vergrößerung der Räumlichkeiten für das Physikalische Kabinett im ehemaligen Jesuitenkolleg nötig. Der neue Sammlungsraum und der angrenzende Hörsaal boten einen Ausblick über den Botanischen Garten und das Rheinufer.[2] Kramp beschrieb den Saal des Cabinet de Physique als „une des plus belles de la ville, par sa grandeur, ses proportions, [...] et la vue magnifique.“[3] Neben Neuerwerbungen betrieb der Mathematik-, Physik- und Chemieprofessor Kramp auch Sammlungspflege des älteren Bestands. Für die technische Instandhaltung der physikalischen Instrumente wurde eine eigene Stelle geschaffen. Dabei ging es vor allem um Reparaturen von Gebrauchsschäden und Verschleißerscheinungen durch die Benutzung im Unterricht.[4] Auch die anderen naturwissenschaftlichen Einrichtungen der Zentralschule wurden gepflegt und erweitert. Der Garten zwischen der Zentralschule und dem Rhein, der bereits im 18. Jahrhundert von den Jesuiten angelegt worden war,[5] wurde in einen botanischen Lehrgarten umgewandelt. Aus dem Straßburger Kabinett kamen ein vollständiges mobiles Chemielabor und weitere chemische Geräte in das Kölner Laboratorium.[6] Die jährlichen Ausgaben für die verschiedenen Abteilungen der Schule waren nach dem großen Ankauf 1799 jedoch übersichtlich. Im Jahr 1806 wurden beispielsweise für das Physikalische Kabinett 300, für das chemische Labor 200, für die Bibliothek 700 und für den Botanischen Garten 400 Francs aufgewendet. Der mit der Instandhaltung betraute Mechaniker erhielt eine Besoldung von 800 Francs.[7]

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Entzerrungsspiegel auf Anamorphose
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_mi01748d13

Die Instrumente des Physikalischen Kabinetts waren ein maßgeblicher Bestandteil der naturwissenschaftlichen Lehre an der Zentralschule. Sie wurden für Experimente in den Fächern Mathematik und Physik genutzt, in welche die verschiedenen Bereiche der Naturwissenschaften wie Optik oder Mechanik eingegliedert waren. Kramp unterrichtete Mathematik, Physik und Chemie bis zum Jahr 1809, in dem er nach Straßburg zum Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät der dortigen Akademie berufen wurde.[8] In Köln benutzte er neben seinen eigenen Lehrbüchern zu Arithmetik und Geometrie zum Beispiel den Grundriß der Naturlehre des Hallenser Physikprofessors Friedrich Albert Carl Gren (1760–1798). Dieser war Mitbegründer der wegweisenden Fachzeitschrift Annalen der Physik, deren regelmäßigen (kostenintensiven) Bezug Kramp 1806 gegen den Verwaltungsrat durchgesetzt hatte. Diese Schriften verweisen auf den hohen theoretischen Anspruch des naturwissenschaftlichen Unterrichts, der mit praktischer und experimenteller Methodik veranschaulicht wurde.[9] Ein weiteres Interessensgebiet Kramps war die (physiologische) Optik, die er im Fach Physik zum Beispiel anhand von Augenmodellen, Linsen oder Spiegeln lehrte. Der Sammlungsbereich Optik war im Kabinett des frühen 19. Jahrhunderts zahlenmäßig am stärksten vertreten, was auf einen intensiven Einsatz im Physikunterricht schließen lässt.[10]

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Donnerhäuschen nach Lind
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_d045397_02

Mit Kramps Leitung des Physikalischen Kabinetts ging eine Modernisierung des Sammlungsbestands einher. Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Donnerhäuschen nach Lind. Es handelt sich dabei um ein ca. 30 cm hohes hölzernes Modellhaus in naturalistischer Backsteinoptik. Mit diesem Haus konnten elektrische Versuche zur Funktion des Blitzableiters durchgeführt werden. Dabei wurde elektrische Ladung über die Messingkugel auf dem Dach durch Kabel in das Haus geleitet und wahlweise geerdet oder auch nicht, um die Auswirkungen eines Blitzes zu demonstrieren. Das Donnerhäuschen gehörte dem naturwissenschaftlichen Bereich der Elektrizität an, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowohl in Wissenschaft und Lehre als auch in der Sammlung stark an Bedeutung gewann.[11] Zwar hatte es bereits in jesuitischer Zeit zwei vollständige Elektrisiermaschinen im Kolleg gegeben,[12] doch erst durch die Ankäufe der Instrumente aus Straßburg wurde die Elektrizitätslehre im Physikalischen Kabinett mit 120 Objekten die quantitativ zweitgrößte und darüber hinaus „wichtigste und zukunftsträchtigste Teildisziplin der Physik im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert“[13]. Durch die Erweiterung um elektrische Spezialinstrumente wurde das Kölner Kabinett deutlich moderner und konnte vor allem deswegen zu einem der führenden Kabinette im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts werden.[14] Ohne diese elektrische Abteilung wäre Georg Simon Ohm wohl 1817 nicht nach Köln gekommen und hätte sein Ohmsches Gesetz vielleicht an einem anderen Ort entwickelt.

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„Viennent ensuite les sciences plus élevées des Mathématiques, de la Chymie et de la Physique expérimentale. C’est ici, citoyens, le plus beau triomphe de l’esprit humain en général, et du dix-huitième siècle en particulier.“[15] Kramps Worte machen die Bedeutung deutlich, welche den Naturwissenschaften zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Franzosen beigemessen wurde. Diese Wertschätzung zeigte sich auch in der Förderung des Physikalischen Kabinetts. Die französische Zeit mit ihrem Protagonisten Kramp muss als Höhepunkt innerhalb der Sammlungsgeschichte herausgestellt werden. Beim Übergang in die preußische Verwaltung wurde schließlich ein Bestand von bis zu 1.000 Objekten verzeichnet.

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Blickt man über den regionalen Zusammenhang hinaus, lässt sich feststellen, dass das Kölner Kabinett mit anderen naturwissenschaftlichen Sammlungen der Zeit quantitativ und qualitativ ohne Weiteres konkurrieren konnte. Die großen Sammlungen (protestantischer) Universitäten wie zum Beispiel Leipzig oder Göttingen waren Anfang des 19. Jahrhunderts noch im Aufbau begriffen.[16] In Göttingen wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts eine naturwissenschaftliche Sammlung angelegt, die in Form von Experimenten in die Lehre eingebaut wurde. Dort hatte der bedeutende Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), dessen Lehrwerke auch im Gymnasium Tricoronatum benutzt wurden,[17] zunächst privat eine Sammlung zusammengetragen, bevor diese im 19. Jahrhundert an die Universität überging. Der Kölner Instrumentenbestand war demnach zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar größer als in Göttingen.[18]

 

Anmerkungen

[1] Christian Kramp, Discours prononcé au Temple Decadaire à la Fête de la fondation de la République, le premier Vendémiaire de 1'An VIII; lequel a précédé la distribution des prix décernés aux Elèves de l'Université de Cologne organisée en École Centrale, Köln 1799, S. 11. „[…] Un Cabinet de Physique, complet dans toutes ses parties.

[2] Vgl. Gunter Quarg, Das Physikalische Kabinett und der Physik-Unterricht in Köln von der Gründung der Ecole Centrale 1799 bis zum Ende der Franzosenzeit 1814, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 65 (1994), S. 113–136, hier: S. 117.

[3] Kramp, Discours (wie Anm. 1), S. 11.

[4] Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 118.

[5] Vgl. Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln u. a. 1996, S. 203f.

[6] Vgl. Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 241, 015 Regierungskommissar Rudler, Sachakte Nr. 701, S. 213.

[7] Vgl. Klaus Pabst, Der Kölner Universitätsgedanke zwischen Französischer Revolution und Preussischer Reaktion (1794–1818), in: Ders. / Bernd Heimbüchel (Hrsg.), Kölner Universitätsgeschichte II. Das 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1988, S. 1–100, hier: S. 39.

[8] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 120.

[9] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 117 und S. 119f. Quarg führt auf den S. 122–136 anhand der verschiedenen Rubriken des Inventars von 1801 (Link Inventar 1801) exemplarisch weitere Lehrstoffe und Experimente aus Examina auf, die mit dem Physikalischen Kabinett erarbeitet wurden; Inventar des Physikalischen Kabinetts, 1801. In: Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland – AA 0633 Roerdepartement Nr. 108, fol. 25r–27v.

[10] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 131f.

[11] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 127–130.

[12] Vgl. Gunter Quarg, Die Sammlungen des Kölner Jesuitenkollegiums nach der Aufhebung des Ordens 1773, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 62 (1991), S. 153–173, hier: S. 172.

[13] Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 127.

[14] Vgl. Kramp, Discours (wie Anm. 1), S. 11.

[15] Kramp, Discours (wie Anm. 1), S. 4. „Danach kommen die höheren Wissenschaften der Mathematik, Chemie und Experimentalphysik. Dies ist, Bürger, der schönste Triumph des menschlichen Geistes im Allgemeinen und des achtzehnten Jahrhunderts im Besonderen.“

[16] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 118f.

[17] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 5), S. 118–120.

[18] Vgl. Friedrich Hund, Die Geschichte der Göttinger Physik (Göttinger Universitätsreden 80), Göttingen 1987, S. 33–39. Friedrich Hund hebt die positiven Anstöße hervor, welche die Franzosen der naturwissenschaftlichen Lehre an deutschen Universitäten zu Beginn des 19. Jahrhunderts gaben. Ab 1807 lehrte Carl Friedrich Gauß (1777–1855) an der Göttinger Universität Mathematik und Physik und leitete ab 1816 auch die ansässige Sternwarte. Dieser entwickelte die Sammlung entscheidend zu einer Forschungssammlung weiter. Hier lassen sich Parallelen zu Ohms Kölner Zeit erkennen.

Empfohlene Zitierweise
Henrike Stein, Hochphase des Sammelns: Die französische Zeit, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).