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2.2 Aus Straßburg nach Köln

Henrike Stein

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Die französische Besatzung der linksrheinischen Gebiete und die bis dato eingeführten Gesetzesänderungen wurden im Oktober des Jahres 1797, nach der Niederlage Preußens und Österreichs, durch den Frieden von Campo Formio gebilligt, bevor sie mit dem Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801 endgültige Rechtskraft erlangten. Unter dem ersten französischen Regierungskommissar Franz Joseph Rudler (1757–1837) wurden 1798 das Roer-Département und drei weitere linksrheinische Départements gegründet.[1] Damit einher ging eine gravierende Veränderung in der Administration, die auch das Bildungswesen betraf. Auf dieser Basis erfolgte die Aufhebung der alten linksrheinischen Universitäten zugunsten einer Erweiterung des französischen Zentralschulsystems auf die neuen Départements. Auch die alte Kölner Universität und die Gymnasien wurden geschlossen.

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Die neuen Zentralschulen in Köln, Trier, Mainz und Bonn waren eine Mischung aus Universitäten und Gymnasien, in denen die naturwissenschaftlichen Fächer und deren praxisbezogener Unterricht im Sinne der Aufklärung einen großen Stellenwert besaßen. Für Mathematik, praktische Physik, Chemie und Botanik wurden jeweils eigene Lehrstühle eingerichtet.[2] Die Kölner Zentralschule im ehemaligen Jesuitenkolleg verfügte bereits über die obligatorischen Einrichtungen für die naturwissenschaftliche Lehre. Im Physikalischen Kabinett, dem Observatorium und im Laboratorium wurden die Naturwissenschaften unterrichtet, Experimente und auch Prüfungen vorgenommen. Die physikalische Sammlung fungierte somit weiterhin als Lehrsammlung, wobei die Bedeutung im Zuge der erstarkenden Rolle der Naturwissenschaften und der empirischen Lehre im Fächerkanon deutlich zunahm.[3] Vor diesem Hintergrund wurden das Physikalische Kabinett und auch die dazugehörige Fachbibliothek großzügig durch geplante Ankäufe, Reparaturen und Neuerwerbungen erweitert.[4] Dabei ist Christian Kramp (1760–1826) als wichtigster Akteur zu nennen. Kramp, seit 1799 Professor für Mathematik, Physik und Chemie an der Zentralschule, stammte aus Straßburg und hatte an der dortigen Universität im Fach Medizin promoviert. Er war nicht nur ein überzeugter Anhänger der Französischen Republik, sondern auch ein versierter Naturwissenschaftler.[5]

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Dass Kramp ebenfalls Wert auf empirische Lehrmethoden und praktischen Unterricht anhand von physikalischen Instrumenten legte, zeigt sein großes Engagement für das Physikalische Kabinett an der Kölner Zentralschule. Bereits zu seinem Amtsantritt Anfang des Jahres 1799 regte er den Kauf des rund 300 Stücke umfassenden Cabinet de Physique des Straßburger Physikprofessors Jakob Ludwig Schürer (1734–1792) an. In einem Brief an seine Kollegen der Zentralschule, der anschließend an die zentrale Verwaltung des Roer-Départements weitergesendet wurde (Abb. 1 Briefkopf), erläuterte Kramp ausführlich die Besonderheit dieses Kabinetts und die Vorteile eines Ankaufs. Er bezeichnete das Kabinett als eine der vollständigsten Sammlungen überhaupt, die weder die französischen Wissenschaftler Jean-Antoine Nollet (1700–1770) und Joseph-Aignan Sigaud de la Fond (1730–1810) noch die US-amerikanischen Forscher Joseph Priestley (1733–1804) und Benjamin Franklin (1706–1790) je gesehen hätten („Le cabinet […] Prof. Schourer de Strasbourg est un des plus complets peut être de tous ceux qui existent. Je suis très certain que ni Nollet, ni Sigaud de la Fond ni Priestley & Franklin peut être n’en vus pas en de semblable.“).[6] Im Folgenden zählte er die Instrumente der verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen auf, darunter mehrere Spezialgeräte französischer Wissenschaftler wie Nollet oder Antoine Laurent de Lavoisier (1743–1794). Dazu gehörte zum Beispiel das Planetarium[7] nach Nollet, das heute nicht mehr vorhanden ist. Daneben führte Kramp eine vollständige optische Abteilung, eine Vielzahl unterschiedlicher Teleskope und Mikroskope und „die schönste Sammlung von Magneten, die vielleicht jemals existiert hat“, auf.[8] Auch eine vollständige Bibliothek der Physik, Chemie, Mathematik und Astronomie gehörte zu der Sammlung. Als zusätzliches Argument für einen Ankauf des Straßburger Kabinetts gab Kramp die Konkurrenz zu den anderen Zentralschulen der linksrheinischen Départements in Bonn, Trier und Mainz an. Durch den Erwerb hätte Köln ein Alleinstellungsmerkmal und wäre den anderen Zentralschulen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften damit eindeutig überlegen. Zudem bestünde die Gefahr, dass eine andere Einrichtung Köln zuvorkäme und das Kabinett aus Straßburg vorher ankaufen könnte. Dies sei demnach eine einmalige Gelegenheit.[9] Kramp beschrieb jedoch nicht nur die Besonderheiten des Schürerschen Kabinetts, sondern beschaffte zudem ein vollständiges Inventar, das er an die zentrale Verwaltung des Roer-Départements schickte. Der Katalog umfasste elf Bereiche, wobei das Fach Optik zahlenmäßig am stärksten vertreten war, gefolgt von dem Bereich Elektrizität.

Brief an Rudler, 14. Februar 1799
Bildnachweis: Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 241, 015 Regierungskommissar Rudler, Sachakte Nr. 701, S. 207.

Nolletsches Planetarium
Bildnachweis: Bibliothèque nationale de France

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Darüber hinaus legte Kramp auch im Allgemeinen die große Bedeutung der Naturwissenschaften für den Ruhm Frankreichs und die wichtige Funktion eines gut ausgestatteten Physikalischen Kabinetts für die Bildung der französischen Gesellschaft dar.[10] Wegen dieser zentralen Rolle des naturwissenschaftlichen Unterrichts müssten teure Anschaffungen für das Physikalische Kabinett von öffentlicher Hand bezahlt werden. „Le cabinet doit appartenir non par au professeur qui enseigne la science mais à la nation qui en est éclairée.”[11] Der französische Regierungskommissar Jean Joseph Marquis (1747–1822), der Nachfolger Rudlers, stimmte schließlich dem Ankauf des Physikalischen Kabinetts Schürers zu und gab die Summe von 9.600 Francs frei.[12] Dies entsprach immerhin rund vier Jahresgehältern für Professoren. Die dazugehörende, gut ausgestattete physikalische Fachbibliothek wurde mit der Unterstützung des Kölner Schulfonds für 1.800 Francs erworben. Durch diese erfolgreichen Verhandlungen mit der französischen Verwaltung konnte Kramp im Mai des Jahres 1799 das Kölner Kabinett um zentrale und hochwertige physikalische Objekte und moderne, vor allem französische, Fachliteratur ergänzen.[13] Er war demnach nicht nur ein sehr gut ausgebildeter Naturwissenschaftler und Professor, sondern auch ein „hervorragende[r] Organisator seines Faches.“[14]

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„La plus belle acquisition que nous ayons faite, est celle du cabinet de Physique venu de Strasbourg, complet dans toutes ses parties, richement pourvu de tous les appareils et instruments qui se rapportent à cette science.”[15] Nach diesem bedeutenden Erwerb wurden die Instrumente unmittelbar in den Unterricht der Zentralschule integriert. Bereits bei den Jahresabschlussprüfungen im Fach Physik im Jahr 1799 wurde bei Experimenten auf die Straßburger Instrumente zurückgegriffen und die Kenntnis derselben getestet.[16] Im Jahr 1801 legte Kramp ein Inventar des erweiterten Kölner Physikalischen Kabinetts an, das unter zwölf Rubriken 681 Nummern nannte, die wiederum oft mehrere Instrumente beinhalteten.[17] Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte das Kabinett als eine der umfangreichsten Sammlungen dieser Art in Europa bezeichnet werden.[18]

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Klaus Pabst, Das Ende der freien Reichsstadt Köln. Gesellschaftliche und bildungspolitische Umbrüche in der Franzosenzeit, in: Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds (Hrsg.), Bildung stiften, Köln 2000, S. 40–57, hier: S. 46–48.

[2] Vgl. Gunter Quarg, Das Physikalische Kabinett und der Physik-Unterricht in Köln von der Gründung der Ecole Centrale 1799 bis zum Ende der Franzosenzeit 1814, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 65 (1994), S. 113–136, hier: S. 113–115.

[3] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 113–115; Pabst, Umbrüche (wie Anm. 1), S. 51.

[4] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 113–136.

[5] Vgl. Pabst, Umbrüche (wie Anm. 1), S. 51f.

[6] Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 241, 015 Regierungskommissar Rudler, Sachakte Nr. 701, S. 212.

[7] Inventar des Physikalischen Kabinetts Schürers, 1799. In: LHAK, Best. 241, 015, Nr. 701, S. 239–258, hier: S. 245.

[8] Vgl. Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: LHAK, Best. 241, 015, Nr. 701, S. 213. „La plus belle collection d’aimants qui ait jamais existé peutêtre.”

[9] Vgl. Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: LHAK, Best. 241, 015, Nr. 701, S. 215 und S. 237.

[10] Vgl. Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: LHAK, Best. 241, 015, Nr. 701, S. 211.

[11] Brief Christian Kramps an die Kollegen der Zentralschule, 1799. In: LHAK, Best. 241, 015, Nr. 701, S. 211. „Das Kabinett soll nicht einem Professor gehören, der die Naturwissenschaften unterrichtet, sondern einer Nation, die erleuchtet ist.“

[12] Vgl. Brief Anton Keils und Christian Kramps an Regierungskommissar Jean Joseph Marquis, 1799. In: Landeshauptarchiv Koblenz, Best. 241, 016 Regierungskommissar Marquis, Sachakte Nr. 773, S. 1f. Die Witwe Schürers hatte zunächst eine Summe von 12.000 Francs gefordert.

[13] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 114–118; Klaus Pabst, Der Kölner Universitätsgedanke zwischen Französischer Revolution und Preussischer Reaktion (1794–1818), in: Ders. / Bernd Heimbüchel (Hrsg.), Kölner Universitätsgeschichte II. Das 19. und 20. Jahrhundert, Köln 1988, S. 1–100, hier: S. 38f.; Christian Kramp, Discours prononcé au Temple Decadaire à la Fête de la fondation de la République, le premier Vendémiaire de 1'An VIII; lequel a précédé la distribution des prix décernés aux Elèves de l'Université de Cologne organisée en École Centrale, Köln 1799, S. 12.

[14] Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 115.

[15] Kramp, Discours (wie Anm. 13), S. 11. „Der schönste Ankauf, den wir gemacht haben, ist der des Physikalischen Kabinetts aus Straßburg, das in allen Teilen vollständig und reichlich mit allen Apparaten und Instrumenten ausgestattet ist, die sich auf diese Wissenschaft beziehen.“

[16] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 115.; Kramp, Discours (wie Anm. 13), S. 11.

[17] Das transkribierte Inventar von 1801 bei Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln u. a. 1996, S. 236–267.

[18] Vgl. Quarg, Kabinett (wie Anm. 2), S. 118f. Quarg vergleicht das Kabinett kurz mit den Universitätssammlungen aus Leipzig und Göttingen, die am Anfang des 19. Jahrhunderts teils noch im Aufbau begriffen waren. Auch im Vergleich mit internationalen (höfischen) Sammlungen in Stockholm und London konnte das Kölner Kabinett wohl mithalten.

Empfohlene Zitierweise
Henrike Stein, Aus Straßburg nach Köln, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).