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1.3 Unterricht am Gymnasium Tricoronatum: Experiment und Empirie

Henrike Stein

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Nach der Einrichtung des Physikalischen Kabinetts im Jahr 1702 konnte am Gymnasium Tricoronatum der praktische naturwissenschaftliche Unterricht neu organisiert und strukturiert werden.[1] Die Rolle der Naturwissenschaften in der jesuitischen Lehre nahm generell im 18. Jahrhundert zu; Mathematik und (Experimental-)Physik wurden dabei zu Leitwissenschaften. Das Tricoronatum stellte den Professor der Mathematik für die Artistenfakultät der alten Kölner Universität.[2] Vor dem Hintergrund weiterer Erkenntnisse aus zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Forschungen wurden neue Teilbereiche wie Mechanik, Hydraulik oder Elektrizität in den Unterricht aufgenommen. Für die Förderung naturwissenschaftlich besonders talentierter und auch wohlhabender Schüler hatten die Jesuiten zudem bereits 1676 das „Xaverianische Konvikt“ eingerichtet, das an das Gymnasium angegliedert war und wie ein Internat funktionierte. Hier fanden zusätzliche spezifische Übungen statt. In Disputationen und öffentlichen Versuchen wurden aktuelle Themen und Fragestellungen der naturwissenschaftlichen Disziplinen erörtert und entsprechende Thesen experimentell nachgewiesen oder widerlegt.[3] Als Basis derartiger praktischer Experimente und theoretischer Arbeiten fungierten physikalische Objekte, die in einem eigenen physikalischen Sammlungszimmer im Konvikt und insbesondere auch im Physikalischen Kabinett untergebracht waren.[4]

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In diesem Kontext erfolgte auch eine stetige Erweiterung der naturwissenschaftlichen Sammlung um spezielle Apparaturen und Materialien. Der Ausbau erfolgte durch Kauf, Schenkung, Stiftung oder auch durch eigene Fertigung seitens der Lehrer und ebenso der Schüler.[5] Im Physikalischen Kabinett befanden sich im 18. Jahrhundert verschiedene Instrumente aus ganz unterschiedlichen Bereichen der Naturwissenschaften. Auch im heutigen Bestand wird diese Bandbreite deutlich: Astronomische Messgeräte wie Astrolabien und Sonnenuhren waren ebenso Teil der Lehrsammlung wie Mikroskope, Fernrohre und Elektrisiermaschinen. Darüber hinaus gab es ein großes, repräsentatives Globenpaar des Venezianers Vincenzo Coronelli (1650–1718), das im Jahr 1700 als Schenkung des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz (reg. 1690–1716) Eingang in die jesuitische Lehrsammlung gefunden hatte. Die Globen wurden als didaktisches Anschauungsmaterial in den Fächern Geographie und Astronomie benutzt.[6] Daneben haben sich einfache Sonnenuhren aus Papier erhalten, welche die Schüler im Unterricht angefertigt hatten. Auch ein magnetisches Gesellschaftsspiel mit acht Karten ist eine Schülerarbeit und gehörte dem Bereich der (Experimental-)Physik an.

Sternbild Schütze auf Coronellis Himmelsglobus
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds

Magnetisches Gesellschaftsspiel
Kölnisches Stadtmuseum | Bildnachweis: Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_mf083973

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Im Jahr 1729 wurde ein Observatorium auf dem Dach des Kollegs errichtet, das durch den Sammlungsraum zu erreichen war. Hier konnten astronomische Beobachtungen und Messungen durchgeführt werden, für die Teleskope zur Verfügung standen. In der Sternwarte befanden sich ab 1744 ein modernes und größeres Newton-Teleskop und zwei Pendeluhren.[7] Darüber hinaus nennt ein Inventar von 1774 vier weitere astronomische Fernrohre mit Linsen und diverse Sonnenuhren, die für Messungen im Observatorium bereitgestanden haben.[8] Die Gnomonik, die Lehre von der Sonnenuhr, war Teil des optischen, astronomischen und auch geometrischen Unterrichts; sie fungierte gewissermaßen als Hilfswissenschaft. Die Sonnenuhren wurden sowohl theoretisch als auch praktisch in den Unterricht eingebunden. Dabei wurden beispielsweise tragbare Sonnenuhren thematisiert, zu denen eine Äquatorialsonnenuhr aus dem Augsburger Kunsthandwerk gehörte.[9] Außerdem hing in der Sternwarte vermutlich ein großes Astrolabium aus Löwener Provenienz. Wegen der Größe von 46 cm und einem Gewicht von rund 8 kg fungierte das astronomische Messgerät wohl als Anschauungsobjekt und nicht als alltäglich im Unterricht zu benutzendes Instrument.[10] Zu diesem Zweck existierten andere Astrolabien mit geringeren Durchmessern und weitere spezielle Instrumente wie Winkelmesser.[11] Diese Instrumente wurden im Unterricht der Astronomie und Geographie eingesetzt, in dem astronomische Beobachtungen durchgeführt wurden und der auch auf ein generelles Verständnis des Planetensystems abzielte. Zusätzlich standen im Gymnasium Tricoronatum Globen, Atlanten und eine selbst gebaute Armillarsphäre zur Verfügung, die wie ein dreidimensionales Astrolabium funktioniert und in den Handschriften vermehrt vorkommt.[12] Außerdem fungierten die Instrumente in der angewandten Mathematik als Höhen- und Distanzmesser. Auch davon zeugen Schaubilder in jesuitischen Handschriften. Besonders interessant ist eine Zeichnung des Kölner Bayenturms, in der dessen Höhe berechnet wird. Dies könnte ein Hinweis auf praktische Vermessungskurse außerhalb des Gymnasiums im Kölner Stadtgebiet sein.[13]

Schaubild des Sonnensystems
Bildnachweis: HAStK, Best. 7010 (Handschriften (Wallraf)), 306, Bd. I, fol. 68r.

Armillarsphäre
Bildnachweis: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), 157, fol. 49v.

Zeichnung zur Vermessung des Bayenturms
Bildnachweis: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), 157, fol. 33v.

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Neben dem Observatorium entstanden im 18. Jahrhundert weitere naturwissenschaftliche Einrichtungen. Dazu gehörten eine eigene mathematisch-physikalische Bibliothek, in der spezifische Fachbücher für die naturwissenschaftliche Lehre aufgestellt wurden, ein chemisches Laboratorium und eine kleine Apotheke.[14] Das Gymnasium Tricoronatum war seit der Übernahme durch die Jesuiten im Hinblick auf die Naturwissenschaften führend unter den Kölner Bildungseinrichtungen und wegweisend im deutschsprachigen Raum.[15] Das konservative und rückständige Bild, das gemeinhin in der Forschung von der alten Kölner Universität im 18. Jahrhundert gezeichnet wird, erhält durch die Betrachtung des Physikalischen Kabinetts und der propädeutischen Lehre der Kölner Jesuiten eine neue und fortschrittliche Facette.

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Über die Bedeutung der Mathematik und Physik am Jesuitenkolleg schrieb der letzte Leiter des jesuitischen Gymnasium Tricoronatum, Heinrich Frings, 1774: „Was die Mathematik angehet […] haben die Patres der vormaligen Gesellschaft [gemeint sind die Jesuiten, Anm. d. Verf.] nebst einem Observatorium, ein mit allen wesentlichen dazu gehörigen Instrumenten wohl versehenes Musaeum von unerdenklichen Jahren her sammt einem guten Vorrathe an ältern sowohl als neuern Mathematischen Büchern mit vielen Kosten errichtet. Nun ist die Mathematik im Gymnasio Tricoronato privative, das ist, in keinen andern Schulen, noch von jemandem in der Universität gelehrt worden. Damit aber die Naturlehre auf eine begreifliche und gründliche Art der studirenden Jugend möge beygebracht werden, sind die Physikalischen Instrumenten allerdings unentbehrlich. Die Patres haben sich die Mühe gegeben, einen ansehnlichen Vorrath davon, sammt den dazu erfoderlichen [sic!] besten Autoren anzuschaffen. Man wird kein Physikalisch Fach anweisen, wozu nicht die gehörigen wesentliche Instrumenten, um damit die Probe über die Lehrsätze zu machen, mögen vorgezeiget werden. [...] Hingegen haben die Collegia der H. Montaner und Laurentianer gar nichts von dergleichen Physikalischen Maschinen.[16]

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Joseph Kuckhoff, Die Geschichte des Gymnasium Tricoronatum. Ein Querschnitt durch die Geschichte der Jugenderziehung in Köln vom 15. bis zum 18. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Rheinischen Museums in Köln 1), Köln 1931, S. 595; Frank Brill, Das optisch-physikalische Kabinett des Tricoronatums, in: Dreikönigsgymnasium Köln (Hrsg.), Tricoronatum. Festschrift zur 400-Jahr-Feier des Dreikönigsgymnasiums, Köln 1952, S. 118–121, hier: S. 120.

[2] Vgl. Gutachten des Regens Heinrich Frings (1718–1780) über die Notwendigkeit, das Gymnasium Tricoronatum nach Aufhebung des Jesuitenordens zu erhalten, 1774. In: Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 150 (Universität), A 1000 (Gutachten), fol. 1r–7v.

[3] Vgl. Brill, Kabinett (wie Anm. 1), S. 118–121; Kuckhoff, Gymnasium Tricoronatum (wie Anm. 1), S. 88–110; Gunter Quarg, Naturkunde und Naturwissenschaften an der alten Kölner Universität (Studien zur Geschichte der Universität zu Köln 14), Köln u. a. 1996, S. 122. Im Historischen Archiv der Stadt Köln befinden sich mehrere Sammelhandschriften des 17. und 18. Jahrhunderts aus jesuitischer Provenienz zu Themen wie Optik, Mathematik oder Astronomie. Vgl. zur Optik: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), Nr. 50 und HAStK, Best. 7008 (Handschriften (GB oktav)), Nr. 81; zu Astronomie und Mathematik: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), Nr. 157 und zu Kosmographie und Mathematik: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), Nr. 116.

[4] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 3–5 und S. 120–141; Kuckhoff, Gymnasium Tricoronatum (wie Anm. 1), S. 573–575.

[5] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 123 und S. 130. Quarg berichtet von zehn Reichstalern, die im Jahr 1724 für den Kauf physikalischer Instrumente zur Verfügung standen.

[6] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 74–76; Siehe darüber hinaus auch Hans-Wolfgang Kuhn, Die Montierung von Coronelli-Globen in Düsseldorf und deren Vertrieb durch Matteo Alberti, in: Düsseldorfer Jahrbuch 65 (1994), S. 17–48, hier: S. 32–42.

[7] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 68 und S. 131; Brill, Kabinett (wie Anm. 1), S. 119f.

[8] Vgl. Gunter Quarg, Die Sammlungen des Kölner Jesuitenkollegiums nach der Aufhebung des Ordens 1773, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 62 (1991), S. 153–173, hier: S. 165–173.

[9] Vgl. Bernhard Roth, Sonnenuhren – Monduhren – Sternuhren. Über die „natürliche“ Zeit und ihre Messung, in: Werner Schäfke (Hrsg.), Wie Zeit vergeht (Anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum 1999–2000), Köln 1999, S. 61–79, hier: S. 71.

[10] Vgl. Reiner Dieckhoff, Cosmographia planisphaeria. Ein „Arsenius-Astrolabium“ des späten 16. Jahrhunderts im Kölnischen Stadtmuseum, in: Kölner Museums-Bulletin: Berichte und Forschungen aus den Museen der Stadt Köln 2/1990, S. 23–44, hier: S. 34.

[11] Vgl. Verzeichnis der Leihgaben für das Haus der Rheinischen Heimat, Köln. Gegenstände aus dem Dreikönigsgymnasium in Köln (Jesuitensammlung) vom 3. November 1938 (Maschinenschriftliche Liste, Handakten Kölnisches Stadtmuseum).

[12] Vgl. Kuckhoff, Gymnasium Tricoronatum (wie Anm. 1), S. 596; Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 123. Der Laienbruder Johannes Antweiler, der 1743 starb, war als ehemaliger Handwerker bei der Fertigung und Reparatur verschiedener Instrumente beteiligt. Von ihm stammt die Armillarsphäre.

[13] Vgl. Zeichnung des Bayenturms, 17. Jahrhundert. In: HAStK, Best. 7004 (Handschriften (GB quart)), Nr. 157 (Mathematisch-astronomische Sammelhandschrift), fol. 33v.

[14] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 140f.

[15] Vgl. Quarg, Naturkunde (wie Anm. 3), S. 2–4; Brill, Kabinett (wie Anm. 1), S. 120.

[16] Gutachten des Regens Heinrich Frings über die Notwendigkeit, das Gymnasium Tricoronatum nach Aufhebung des Jesuitenordens zu erhalten, 1774. In: HAStK, Best. 150 (Universität), A 1000 (Gutachten), fol. 1r–7v. Unterstreichung im Original.

Empfohlene Zitierweise
Henrike Stein, Unterricht am Gymnasium Tricoronatum: Experiment und Empirie, aus: Gudrun Gersmann (Hrsg.), Das Physikalische Kabinett – Von der jesuitischen Lehrsammlung zum kulturellen Erbe (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00004), in: mapublishing, 2019 (Datum des letzten Besuchs).